Gailbacher Kerbbrauchtum...
...im Wandel der Zeiten
Das Fest der Kirchweihe war und ist ein kirchliches und weltliches
Ereignis.
Die Einwohner der Gemeinde waren stolz auf Ihre Kirche welche sie
mit viel Einsatz und Spenden gebaut hatten, um endlich den
Sonntagsgottesdienst in der eigenen Gemeinde feiern zu können.
Im 18. Jahrhundert gab es in Gailbach kein Gotteshaus. Erst nach und
nach wurden hier, in Haibach, Grünmorsbach und Schweinheim Kirchen
gebaut und festlich eingeweiht. Zu diesen Kirchweihfesten wurden
Verwandte und Bekannte aus nah und fern eingeladen und bewirtet.
In manchen Haushalten wurde soviel Kuchen gebacken, dass ein ganzes
Zimmer ausgeräumt werden musste um den Vorrat zu lagern. Am Sonntag
früh gingen alle, Kinder Frauen und Männer, gemeinsam zum
Gottesdienst. Die Vereine wurden mit Fahnen von der Musikkapelle am
Vereinslokal abgeholt und nach dem Gottesdienst auch mit Musik
zurück begleitet. Dort machten die Männer (Frauen gingen nach Hause
zum Kochen) einen zünftigen Frühschoppen welcher manchmal auch etwas
länger dauerte. Abends ging man dann gemeinsam auf die
"Musik".
In Gailbach wurde wahrscheinlich schon seit 1792 nach der Einweihung
der alten
St. Matthäuskirche dieses Fest gefeiert.
Der Ursprung des Brauchtums den Kerbstrauss von den Kerbbuben
anbringen zu lassen war sehr wahrscheinlich folgender:
Wirtsleute welche an Kerb Musik und Tanz hatten, zeigten dies durch
einen bunten Strauss am Gasthaus-Schild an, ähnlich des grünen
Strausses bei Häcken-Wirtschaften, wenn Sie geöffnet haben. Da bei
diesen Kerbtanzveranstaltungen auch Burschen und Mädchen aus den
umliegenden Dörfern teilnahmen, kam es mitunter zu Eifersüchteleien
und die jungen Burschen gingen einer Rauferei nicht aus dem Wege.
Der Wirt wiederum war bemüht den Schaden hierbei möglichst gering zu
halten. Deshalb verpflichtete er einige kräftige Burschen für
Ordnung zu sorgen. Als Entgelt waren Getränke und Essen frei.
Wenn man so will, waren die Kerbburschen der Vergangenheit Türsteher
nach unserem heutigen Verständnis.
1954 - also genau vor 50 Jahren - waren wir, die Klasse des
Jahrganges 1936/1937 die "Kerbbäscht".
Als Kinder hatten wir noch den Krieg und die arme Nachkriegszeit
erlebt. Trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb waren wir
voller Lebenslust und grosser Zukunftserwartungen und hatten alle
(14-jährig) nach 8 Jahren Schulzeit den Volksschulabschluss erlangt.
Nur Josef Stein ging noch weiter in die Kraus'sche Handelsschule
nach Aschaffenburg, alle anderen erlernten verschiedene Berufe.
Ich selbst lernte bei meinem Vater in 3 Jahren Lehrzeit, von
September 1951 bis September 1954, das Schreinerhandwerk.
Wir hatten also mit 17 Jahren schon ausgelernt und verdienten unser
eigenes Geld.
Damals war es bei uns nicht immer üblich, dass die Mädchen einen
Beruf erlernten. Die meisten Mädchen in unserer Klasse, es waren 14,
verdingten sich als Arbeiterinnen, Näherinnen oder in fremden
Haushalten. Auch war es absolut undenkbar, dass die Mädchen zusammen
mit den Kerbburschen (es waren 8)durch das Dorf zogen. Das war
"Männersache". Am Abend des Kerbtanzes jedoch hatten alle
Kerbmädchen besonders schöne Kleider an und es war Ehrensache für
die Kerbburschen mit jeder wenigstens einmal zu tanzen.
Kerbtanz fand entweder im "Grünen Baum" bei Neuberger oder im
Gasthaus "Zum Rosengarten" bei Fay statt. Diese Gasthäuser hatten
neben einer Metzgerei und der Wirtschaft noch einen kleinen Saal mit
Bühne, auf welcher meistens die Gailbacher Blasmusik aufspielte.
Aber auch in anderen Gasthäusern wurde oft Unterhaltungsmusik
gespielt und gemeinschaftlich Lieder gesungen.
Außergewöhnlich war auch das Speisen-Angebot in den Wirtschaften -
neben einfacher Vesper gab es Schweinebraten, Wild oder Rippchen mit
Kraut, dazu Klösse, Kartoffeln oder Nudeln als Beilage. Dies ist mir
noch in guter Erinnerung.
Die im Jahr 1914 erbaute Turnhalle (neben dem heutigen Gasthaus
"Gailbacher Stube") war früher bestimmt auch Mittelpunkt von
Kerbveranstaltungen. Sie wurde jedoch in den letzen Kriegstagen 1945
von den Bomben der Alliierten vollständig zerstört.
Zum Tanz spielte die Blasmusik damals noch für das Geld welches die
Paare bezahlen mussten. Dies ging folgendermaßen vor sich: Die Musik
spielte einige Takte eines Tanzstückes - z.B. Walzer, Tango,
Foxtrott oder Polka an und kassierte pro Paar 10 Pfennige. Danach
wurde das Stück neu beginnend komplett gespielt. Nach einer kurzen
Pause wurde noch ein weiteres Stück gespielt bevor die Tänzer Ihre
Partnerinnen wieder an deren Tisch zurückführten.
Dieses Ritual wiederholte sich den ganzen Abend, solange die Musik
spielte.
Am Sonntag Nachmittag wurde der Kerbzug zusammengestellt. In unserem
Fall hatte der Bauer Alois Schuck 2 Pferde vor einen einfachen Wagen
gespannt. Auf diesem fuhren die Kerbburschen, mit einem Faß Bier
versorgt (siehe Bilder), durchs Dorf. Angeführt wurde der Zug von
der Blasmusik und besonders die Kinder welche nebenher liefen,
hatten großen Spaß dabei.
Vom Dorfanfang beginnend wurde hierbei an jedem Gasthaus im Ort ein,
mit bunten Papierbändchen geschmücktes, Fichtenbäumchen am
Gasthausschild befestigt und mit Bier begossen. Ein Kerbboscht trank
hierbei einen kräftigen Schluck aus dem Steinkrug und schleuderte
letzteren mit folgendem Spruch zu Boden:
"Wenn dieser Krug hier nicht zerbricht, feiern wir die
Kirchweih nicht".
Es soll vorgekommen sein, dass der Krug erst beim zweiten oder
dritten Versuch zerbrach. Vom Wirt wurden die Kerbboscht mit einigen
Maß Bier versorgt ehe sie das Kerblied :
"die Galmischer Kerb is do: Was san die Leit sou froh: Sie lafe nackisch uf de Straß herum - was san die Leit sou dumm - halihalo"
singend, winkend und natürlich Bier trinkend zur nächsten Wirtschaft
weiter zogen. Hierbei wurden selbstverständlich auch an die
Musikanten, welche immer eine trockene Kehle hatten, ausgeschenkt.
Damals hatten wir folgende sieben Gasthäuser mit Kerbsträußen zu
versorgen:
Goldloch-Schänke
von Lenchen Schwind (genannt
Mutti)
Zum Gemütlichen Eck
von Margarete Hirsch (genannt
Gret)
Grüner Baum
von Hans Neuberger
Cafe Schuck
von Lorenz Schuck (Hofbauer)
Gasthaus zur Traube
(Spielmanns Mathilde)
Gasthaus zum Rosengarten
von Michael Fay
Gasthaus zur Dorfschmiede
von Josefine Schuck (genannt
Fine)
Leicht kann man sich vorstellen, dass bei einigen "Kerbbuwe" nach
diesem Marsch und reichlich ungewohntem Biergenuss
Ermüdungserscheinungen auftraten - bis zur Kerbmusik am Abend war
aber alles wieder in Ordnung.
1964 - also erstmals10 Jahre später und fortan waren auch die
Kerbmächen beim Umzug dabei (Information Rita Bachmann)
Herbert Sommer
Gailbach 2004
